Streit um die Saab Phoenix-Plattform geht weiter

Die Phoenix-Plattform ist einer der größten Vermögenswerte von Saab. Fast fertig entwickelt könnte sie für alle zukünftigen Saab-Modelle vom 9-1 bis zu einem 9-7 verwendet werden. Nutzbar wäre sie also vom Kleinwagen über SUVs bis zu Oberklasse-Modellen. Dazu kommen noch technische Neuerungen wie der Hybrid-Antrieb eXWD oder das Multimediasystem IQon. Bisher war Stand der Dinge, dass der Saab-Käufer NEVS bei Vollzug der Vorverträge auch die alleinigen Rechte an der Phoenix-Plattform erwerben wird. Jedoch ist Youngman hier anderer Meinung. (Update 9.45 Uhr)

Youngman hatte diese Rechtsansicht, dass man im Besitz der Rechte an der Phoenix-Plattform sei, bereits früher geäußert. Zwar war diese Meinung von den Insolvenzverwaltern damals dementiert worden, aber der Streit scheint jetzt weiterzugehen.

Im September 2011 gab es eine Vereinbarung zwischen Saab und Youngman, dass die Rechte an der Phoenix-Plattform an eine neue gemeinsame Tochtergesellschaft von Saab und Youngman übertragen werden. Diese neue Tochtergesellschaft sollte dann nicht-exklusiven Lizenzen an weitere „Kunden“ weiterveräußern können. Youngman sollte gegen Zahlung von ca. 75 Mio. Euro an Saab Anteile an dieser Tochtergesellschaft erhalten und gleichzeitig für die eigene Fahrzeugproduktion eine nicht-exklusive Lizenz der Phoenix-Plattform erhalten.

Nach der Insolvenz von Saab stellte sich jedoch heraus, dass Youngman lediglich ca. 6 Mio. Euro an Saab gezahlt hatte und damit diese Vereinbarungen nicht eingehalten hatte. Dies sind die bisherigen Informationen. Jedoch ist Youngman weiterhin der Ansicht, dass man trotz des Vertragsbruchs im Herbst 2011 alle Rechte an der Phoenix-Plattform besitze.

Dies bestätigt heute der schwedische Anwalt von Youngman, Johan Nylen, gegenüber der schwedischen Presse. Weitere Informationen zu den Ansprüchen von Youngman wollte Nylen der Presse jedoch nicht geben. NEVS-Sprecher Michael Östlund wollte sich zu den wiederholten Ansprüchen von Youngman auf die Phoenix-Plattform nicht direkt äußern. NEVS habe beim Kauf von Saab sowohl die Phoenix-Plattform als auch die Rechte am Saab 9-3II erworben. Auch Insolvenzverwalter Hans Bergqvist wollte gegenüber der Presse keinen Kommentar zu den Ansprüchen von Youngman abgeben.

Interessant ist noch, dass die TTela davon schreibt, dass Youngman bisher 60 bis 70 Mio. Euro Kosten wegen der beabsichtigten Saab-Übernahme gehabt hätte. Diese Summe erscheint mir nach den bekannten Informationen definitiv viel zu hoch zu sein. Die Summe ergibt sich wohl aus den von Youngman im Herbst 2011 gemachten Ankündigungen, die von Youngman jedoch nicht eingehalten wurden. Tatsächlich hat Youngman – im Gegensatz zu Pang Da – nur sehr geringe Summen an Saab überwiesen. Auch die Anwaltskosten von Youngman dürften nicht so hoch sein, so dass man insgesamt vielleicht von 10 Mio. Euro und nicht von ca. 70 Mio. Euro Aufwendungen bei Youngman ausgehen kann.

Mir persönlich scheint die Youngman-Rechtsansicht nach den bisher bekannten Informationen auf recht wackligen Beinen zu stehen. Youngman hätte zum einen für ca. 75 Mio. Euro im Herbst 2011 lediglich die nicht-exklusiven Rechte an der Phoenix-Plattform erwerben können. Saab bzw. die gemeinsame Tochter hätte Youngman lediglich eine Nutzungslizenz erteilt. Aber Youngman hat im Herbst nicht die vereinbarten Summen an Saab bezahlt, was ja gerade zur Insolvenz von Saab geführt hat. Daher dürfte Youngman keinen Anteil an der gemeinsamen Tochter erworben und damit keinen Zugriff auf die Rechte an der Phoenix-Plattform haben. Insofern erscheint es mir schon etwas dreist von Youngman, jetzt wiederholt Rechte an der Phoenix-Plattform anzumelden. Aber warten wir ab, ob tatsächlich alle Informationen auf dem Tisch liegen. Vielleicht erlebt NEVS auch eine böse Überraschung.

Allerdings ist auch die Reaktion der Insolvenzverwalter wieder typisch: „Kein Kommentar“. Dies ist aus meiner Sicht allerdings in diesem Fall nicht zielführend. Sofern Saab die Rechte an der Phoenix-Plattform besitzt, muss man den wiederholt öffentlich gemachten Ansprüchen von Youngman energisch entgegentreten. Selbst nach 6 Monaten geht der Streit um Rechte an Vermögensgegenständen jedoch ohne Lösung weiter. Die häufig wiederholte Ansicht, dass man begeistert von der Arbeit der Insolvenzverwalter sei, da sie in Ruhe arbeiten würden, kann ich in diesem Fall nicht teilen. Egal, wie wir zum Käufer NEVS stehen, solche wiederholt auftauchenden Probleme müssen von den Insolvenzverwaltern gelöst werden. Und das funktioniert durch die wiederholte Aussage „kein Kommentar“ – also durch Aussitzen sicher nicht. Damit lässt sich die Presse nicht ruhig stellen. Anstatt für positive Schlagzeilen zu sorgen, gibt es dadurch weiterhin nur negative Berichte über Saab, NEVS und die Insolvenzverwalter.

Übrigens spekuliert die schwedische Presse heute weiterhin über einen Einstieg von Mahindra bei NEVS. NEVS geht zawr davon aus, die Rechte an der Phoenix-Plattform zu besitzen. Was damit geschehen soll, hat NEVS aber noch nicht bekannt gegeben. NEVS will die Plattform wohl selbst nicht nutzen. Daher könnte ein weiterer Kooperationspartner hier die Lösung sein. Mahindra könnte dann nach Ansicht der Presse die Phoenix-Plattform fertigentwickeln und nutzen. Mahindra selbst wollte sich zu diesen Spekulationen jedoch nicht äußern.

Update 9.45 Uhr:

Laut mehreren schwedischen Zeitungen behauptet Youngman nicht mehr, die exklusiven Rechte an der Phoenix-Plattform zu besitzen, sondern lediglich Lizenzrechte, so dass man (wohl nicht-exklusiv) die Plattform nutzen könnte. Laut der Zeitung Göteborgs Posten sucht Youngman in Schweden bereits Ingenieure zur weiteren Entwicklung der Phoenix-Plattform. Sollte dies stimmen, dann sehen wir wohl jetzt die Altternativstrategie von Youngman, nachdem man beim Kauf von Saab gescheitert ist.

Weitere Infos zu den Ansprüchen Youngmans vom Januar 2012 hier.

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17 Antworten zu Streit um die Saab Phoenix-Plattform geht weiter

  1. Es ist alles nicht einfach, aber ich denke mal Youngman benutzt hier die BAIC Taktik: „Erst mal Ansprüche erheben, dann prüfen ob ich recht habe“.

    In DN steht dass Youngman meint für Nutzungsrechte(Lizenz) der Plattform bezahlt zu haben. Ich bin kein Anwalt, aber das klingt in meinen Ohren total anders als die Plattform zu besitzen. Und in meine (naive) Auffassung, diese Rechte können nur gegenüber den alten Saab Eigentümer geltend machen, denn nach der Insolvenz sind die Verträge nicht mehr gültig, oder liege ich da falsch?

    • tauentzien schreibt:

      Hier kommt es auf die genaue schwedische Rechtslage an. Grundsätzlich würden in Deutschland Verträge bei einer Insolvenz nicht „erlöschen“. Dies könnte in Schweden anders sein. Wo liegen zur Zeit die Rechte an der Phoenix-Plattform? Bei Saab Automobile oder bei der Tochtergesellschaft? Ist die Rechte-Tochter auch insolvent? Je nach Sachverhalt könnte Youngman noch nicht-exklusive Lizezen besitzen oder auch nicht.

  2. Volker Niemeyer schreibt:

    Sobald wie es hier der Fall ist, wirtschaftliche, juristische und politische Interessen vertreten werden müssen und das unter verschiedenen Interessenlagen ist es nur durch Wahrscheinlichkeitsvoraussagen möglich zu einem Ergebniss zu kommen. Dieses Ergebniss ist aber nur solange relevant, bis neue Aspekte dazukommen, was die weitere Beurteilung erschwert.
    So kann keine Aussage über das letztendliche Ergebniss gemacht werden, da wir weder Hellseher sind, noch fachlich auf allen Gebieten, die hier eine Rolle spielen, versiert sind. Ändern können wir sowieso nichts. Also abwarten, denn es kommt meist anders, als man denkt.
    Volker

  3. Karl schreibt:

    Es wird immer seltsamer. TTELA titelt heute mit einem Zitat von Jiang: „unser Gebot war niedrig“. Es sieht also so aus, dass der Insolvenzverwalter einem schlechten Gebot den Zuschlag gegeben hat. Ist der Insolvenzverwalter in Schweden an Weisungen der Politik gebunden? Jetzt gibt es auch noch Streit um die Rechte an der Phoenix-Plattform. Ich interpretiere dies jetzt so, dass Saab auf alle Fälle geschlachtet werden sollte. Nun versucht jeder das beste aus dem Nachlass zu bekommen.
    Egal wie das ausgeht, damit dürften sich alle Hoffnungen, doch noch einmal einen neuen Saab von den Bändern in Trollhättan fahren zu sehen, erledigt haben.

    • Peter schreibt:

      Da hat Karl leider vollkommen Recht . Saab lebt nur noch in den Fahrzeugen die es noch auf der Strasse gibt. Neue wird es keine geben . Ich glaube aber das es nun an der Zeit wäre durch Presse , Saabclubs und was auch immer , den Insolvenzverwaltern mal ordentlich auf den Pelz zu rücken und Druck aufzubauen , damit die sich bitteschön mal zu ihren Taten äußern müssen. Es sollte doch möglich sein von diesen Herrschaften einmal eine Auskunft darüber zu bekommen warum sie sich für ein niedriges Angebot von NEVS und die „tollen Konzepte “ von NEVS entschieden haben , und nicht für ein anderes höheres Angebot von einem der 13 Anderen internationalen Konzerne und deren “ schlechten Konzepte “ . Könnte mir sehr gut vorstellen das diese Herrschaften , müßten sie sich erklären müssen , ganz schnell in Erklärungsnot geraten würden

  4. blueperformance schreibt:

    Hier geht es doch wirklich nur darum Unsicherheit zu erzeugen und den finalen Vertragsabschluss zu stören. YM befördert sich mit den aktuellen Aktionen und den jetzt bekannten Zahlungen aus 2011 ziemlich ins Abseits. Man solle aufhören wenn es am schönsten ist, quasi mit Ruhm die Bühne verlassen. Den Zeitpunkt verpassen leider auch so einige Stars. YM ist doch kein ernst zu nehmender Partner mehr bei anderen/ zukünftigen Übernahmen in der Automobilindustrie.

    • Karl schreibt:

      Unsicherheit erzeugt im Augenblick nur NEVS und Kai Johan Jiang. Youngman ist möglicherweise durch einen nicht korrekten Zuschlag an NEVS als Bieter gescheitert.
      Es ist zu befürchten, dass viele Gläubiger durch das Verfahren geschädigt worden sind, auch Youngman hat Geld verloren.
      Das ist kein Kindergeburtstag, wo man aufhören soll wenn es am schönsten ist. Ob Youngman ein ernst zu nehmender Partner ist, dürfte für uns Aussenstehenden kaum zu beurteilen sein.
      Es scheint in Schweden wohl einige einflussreiche Personen zu geben, die ein wichtiges Interesse haben um Youngman in ein schlechtes Licht zu rücken, vielleicht um den NEVS-Deal zu rechtfertigen?
      Man könnte vermuten, es gibt ein breites Bündnis, dass versucht Saab Auto gründlich zu beseitigen. Kai Johan Jiang hat beste Beziehungen zur schwedischen Regierung und ist mit Volvo verbandelt. Wenn ich Youngman wäre, würde ich auch versuchen aus dieser Kloake von Konkurs meine Vorteile zu ziehen.
      Warum muss ich immer wieder an Borgward denken, bei diesem Konkurs?
      Weshalb sind alle Versuche gescheitert Saab mit Geld auszustatten?
      Hier läuft eine ganz schmutzige Geschichte und da ist Youngman nicht der Schuldige sondern nur eines der Opfer.
      Ich würde mir wünschen, dass seitens der Konkursverwalter endlich Klarheit geschaffen wird, in dem die Summe, zu der NEVS den Zuschlag bekommen hat, bekannt gemacht wird. Von Kai Johan Jiang würde ich anstatt so unbedeutender Aussagen, dass er nach Trollhättan umziehen will, endlich einen Plan mit der nachvollziehbaren Zukunftsplanung sehen.
      Was viele hier übersehen, egal mit wem und ob überhaupt Verhandlungen mit Mahinddra, Youngmann oder wem auch immer geführt werden, NEVS hat den Zuschlag erhalten. Sollten diese Gerüchte nur im Ansatz stimmen, dann war der Zuschlag nicht korrekt, denn zu einem tragfähigen Business-Plan führt man die Verhandlungen vorher und nicht nach dem Zuschlag durch den Konkursverwalter.

  5. blueperformance schreibt:

    Gemäss Zitat auf Saabblog plant der geschäftstüchtige Herr Jiang in 10 Jahren profitabel zu sein. Ich bin jetzt langsam wirklich mal gespannt was die da bauen wollen oder für wen die was bauen.

  6. Marcus schreibt:

    der tägliche schwachsinn aus schweden zeigt doch nur, dass hier informationsmässig riesige lücken klaffen und jedem inzwischen klar wurde, dass das geschäftsmodell von nevs alleine nicht tragfähig ist – hier fehlt ein markanter teil.
    der rest ist reine spekulation und es wäre an der zeit, dass nevs einige informationen veöffentlicht – auch ohne namensnennung evtl. partner.
    ansonsten wäre es ebenso an der zeit, in schweden einen untersuchungsausschuss ins leben zu rufen.

    • B. Koch schreibt:

      Der Meinung bin ich auch. Ein Untersuchungsausschuss wäre jetzt gefragt. ich weiß nicht wie ein Konkursverfahren in Schweden läuft, ich kann das nur mit einer internationalen Ausschreibung vergleichen und wenn da etwas nicht stimmt dann wird das vor Gerichten mittels Ausschüssen geklärt.
      Aber Schweden ist eben anders.

      • Detlef Rudolf schreibt:

        Schweden mutiert immer mehr zu einer Art Bananenrepublik – hier scheint Gemauschel von höchsten Stellen bis hin zu Bergqvist + Co. zu existieren.

        Leider alles zum Nachtteil der internationalen SAAB-Gemeinschaft – damit meine ich natürlich auch Zulieferindustrie sowie die ehemaligen SAAB-Mitarbeiter, die derzeit immer noch auf eine Rückkehrmöglichkeit warten. Dies ist ja auch ein gravierender Mangel bei NEVS, dass wesentlich weniger Personal in der Fabrikation eingestellt werden soll als dies beispielsweise von Younggman-Lotus geplant war – also ist nicht nur das geringe Gebot ein Manko sondern insbesondere auch der Mini-Personalbedarf.

        Ein Untersuchungsausschuss ist hier wirklich überfällig! Hier wird wohl hoffentlich demnächst etwas von schwedischen Gerichten kommen – die Zeit drängt (es sei denn, auch die Gerichte sind in Schweden mit Marionetten besetzt – den Eindruck hatte ich bisher allerdings noch nicht).

        • Saab 9-3 schreibt:

          Genau es ist jetzt allerhöchste Zeit den grösstmöglichen Druck auszuüben, um sofort eine Task-Force zu bilden. Schweden will doch wohl nicht als Bananen-Republik enden?
          Saab-Fans auf dieser Welt vereinigt euch!
          We are many- we are Saab!!

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