Neue EU-CO2-Grenzwerte – Chance oder Risiko für NEVS?

In der 27. Ausgabe der Wochenzeitschrift Zeit vom 27.06.2013 gibt es einen interessanten Artikel unter dem Titel „Deutschland bremst“ zum EU-Kompromiss über neue CO2-Grenzwerte bei Neuwagen. Die europäischen Hersteller sind gezwungen, den CO2-Ausstoß und damit den Flottenverbrauch deutlich zu senken. Betroffen sind hier vor allem die Hersteller von großen und schweren Fahrzeugen, also insbesondere die deutschen Hersteller und Volvo. Die Zeit geht davon aus, dass bei großen Autos der Flottenverbrauch nur noch durch eine Elektrisierung – also durch flächendeckenden Hybrid- und Elektroantrieb – erreicht werden kann. Ist diese Entwicklung nun eine Chance für NEVS/Saab oder doch eher ein Risiko?

Zunächst zum Hintergrund: Die EU hat im Juni 2013 die CO2-Ziele für Pkw bis 2020 definiert. Vorangegangen war dem EU-Kompromiss ein „Kampf“ zwischen den deutschen Premium-Herstellern und den anderen europäischen Herstellern. Streitig war nämlich, wie niedrig der Flottengenzwert im Jahr 2020 angesetzt wird und wie schnell dieser Grenzwert erreicht werden soll. Dabei ging es den meist französischen und italienischen Herstellern nicht so sehr um Umweltschutz, sondern um einen Wettbewerbsvorteil. Da man selbst keine großen Fahrzeuge im Angebot hat, erreicht man die neuen Grenzwerte 2020 viel einfacher und hoffte darauf, dass bei sehr strengen Grenzwerten für die deutschen Hersteller Strafzahlungen in dreifacher Millionenhöhe fällig werden.

Wie sieht jetzt der Kompromiss von EU-Kommission, Vertreter des Europäischen Parlaments und des Ministerrats ein Kompromisspaket aus? Die europäische Neuwagenflotte darf vom Jahr 2020 an im Mittel nur noch maximal 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen, das entspricht einem Durchschnittsverbrauch von 4,1 Litern Benzin oder 3,6 Litern Diesel auf 100 Kilometer, über alle Pkw-Gattungen hinweg. Die Werte fallen für jeden großen Hersteller leicht unterschiedlich aus. Davon profitieren vor allem die deutschen Marken mit ihren großen Autos. Die EU-Grenzwerte sind ähnlich wie die in Japan, jedoch schärfer als die in den USA, China oder Südkorea.

Dabei werden besonders emissionsarme Pkw (E-Autos oder Hybridfahrzeuge) mehrfach gezählt. Diese „Supercredits“ ermöglichen vor allem den Herstellern von großen Autos, die jetzt vereinbarten CO2-Grenzwerte leichter zu erreichen. Auch einen weiteren Erfolg konnten die deutschen Autobauer erzielen. Die Festlegung einer neuen Berechnungsmethode für EU-Normverbräuche wurde verschoben. Daher bleibt es bei der bisherigen Berechnungsmethode. Da der aktuelle EU-Normverbrauch vor allem bei großen Fahrzeugen unrealistisch niedrig ausfällt, ist dies ein weiterer Vorteil für die Hersteller dieser Fahrzeuge. Dies ist zwar schlecht für den Verbraucher, der sich realistische EU-Normverbrauchsangaben wünscht, aber für das Erreichen des Flottenverbrauch ist dies natürlich neben den „Supercredits“ ein weiterer Bonus für die deutschen Hersteller.

Im Jahr 2009 legte die EU in einer Richtlinie fest, dass die europäische Pkw-Neuwagenflotte spätestens im Jahr 2015 ihre durchschnittlichen Kohlendioxid-Emissionen vom Ausgangswert 159 Gramm CO2 pro Kilometer (2006) auf 130 Gramm reduzieren müsse. Das entspricht einem Verbrauch von 5,6 Litern Benzin oder 4,9 Litern Diesel auf 100 Kilometer. Diese Werte wurden – auf massiven Druck Deutschlands – nach Herstellern differenziert. Größere und schwerere Autos dürfen etwas mehr emittieren als leichte Kleinwagen. So muss etwa BMW mit seiner Flotte 138 Gramm erreichen, Volkswagen 132 Gramm, Peugeot-Citroën 128, Fiat 121 Gramm. Zur Zeit gilt es als sicher, dass alle großen Hersteller ihre Ziele bis 2015 schaffen, Hersteller wie Toyota, Fiat oder PSA Peugeot-Citroën sogar vorzeitig. Im Jahr 2012 lag der Durchschnittswert der europäischen Neuwagenflotte schon bei 132 Gramm. Die deutschen Hersteller haben absolut und prozentual die größten Reduktionen geschafft. Alle deutschen Konzernmarken zusammen kamen 2012 bereits auf einen EU-Flottendurchschnitt von 135 Gramm.

Die Zeit hat dann noch bei Zulieferfirmen angefragt, wie der neue EU-Grenzwert erreicht werden kann. Der Zulieferer Bosch geht davon aus, dass die neue 95-Gramm-Zielmarke bei Kleinwagen mit noch effizienteren Benzin- und Dieselmotoren erreicht werden könne, in der Kompaktklasse (VW Golf) schaffe das nur der Dieselmotor. Benziner brauchen in dieser Klasse laut Bosch schon eine Einstiegshybridisierung. Große Fahrzeuge würden das Ziel nicht mehr ohne zusätzliche leistungsstarke Elektromotoren schaffen.

Jetzt stellt sich natürlich vielen und auch mir die Frage, ob diese neuen Grenzwerte eine Chance oder ein Risiko für NEVS bzw. Saab darstellen. NEVS plante zu Beginn (2012) die Entwicklung von reinen Elektrofahrzeugen. Erst 2013 hat NEVS dieses recht unrealistische Geschäftsmodell abgeändert und will jetzt neben Elektrofahrzeugen auch Hybrid-Modell entwickeln. Starten will NEVS jedoch die Produktion noch im Jahr 2013 mit einem überarbeiteten Saab 9-3II mit Verbrennungsmotor.

Für den geplanten überarbeiteten Saab 9-3II mit Verbrennungsmotor ist die Entwicklung der EU-Grenzwerte natürlich positiv. Sofern NEVS nicht unter eine Ausnahmeregelung für Kleinhersteller fällt, muss auch NEVS die Grenzwerte einhalten. Und dies ist mit einem Mittelklassefahrzeuge, das bisher nicht zu den Leichtgewichten zählt (1.440 bis 1.765 kg), schon recht schwierig. Früher konnte Saab vom geringen Flottenverbrauch der GM-Flotte profitieren. Dies ist jetzt nicht mehr der Fall. Und wenn man sich den CO2-Ausstoß des Modelljahres 2011 beim Saab 9-3 (119 Gramm beim Diesel, ca. 200 Gramm bei den Benzinern) anschaut, dann muss NEVS jetzt schon einen verbrauchsgünstigeren Motor finden, um die aktuellen Flottengrenzwerte einzuhalten.

Trotzdem, zur Zeit scheint mir der EU-Kompromiss ein Vorteil für NEVS zu sein. Des weiteren könnte die von der Zeit vermutete Hinwendung der großen Hersteller zum Hybridantrieb eine Chance für NEVS sein. Denn dies könnte die Akzeptanz solcher Konzepte bei den Käufern erhöhen und damit auch NEVS/Saab mehr Verkäufe einbringen.

Trotzdem sehe ich persönlich die weitere Entwicklung eher als großes Risiko für NEVS. Bisher hatten die großen Hersteller nur ein Alibi-Hybrid-Modell im Angebot. Dieses wurde kaum verkauft. Nehmen wir mal an, dass NEVS kurzfristig die Produktpläne umsetzen kann und innerhalb von zwei Jahren einen Elektro- und Hybrid-Saab 9-3III auf den Markt bringt. 2015 könnte so ein Fahrzeug noch technisch außergewöhnlich sein und gepaart mit guten Saab-Design auch seine Nische finden.

Aber was passiert dann in den folgenden Jahren? Durch die neuen EU-Grenzwerte sind auch die Hersteller von großen Fahrzeugen gezwungen, voll auf die Hybrid- oder Elektrokarte zu setzen. Damit drängt die Masse der Premium-Hersteller genau in die Nische, die NEVS mit Saab aktuell besetzen will. NEVS verliert mittelfristig den heute noch möglichen Status als technisch außergewöhnlich. NEVS muss daher schon heute noch ein zusätzliches Ass im Ärmel „entwickeln“. Da NEVS aber bisher noch nicht einmal ein allererstes Saab-Produkt präsentiert hat, wird die Sache sicher nicht einfacher.

Was meint ihr? Ist die allgemeine Entwicklung hin zu Hybrid- und Elektrofahrzeugen eher eine Chance oder ein Risiko für NEVS bzw. Saab?

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5 Antworten zu Neue EU-CO2-Grenzwerte – Chance oder Risiko für NEVS?

  1. Wenn ich deine Logik richtig verstehe, müsste Toyota und Lexus tonnenweise Autos verkaufen, ist aber nicht ganz so.

    Genauso wie damals mit Renault und ihre Flotte an 5 Sterne Autos die Verkaufszahlen von Renault nicht stark beeinflusst haben, kann man momentan niemandem mit einem vernünftigen Hybrid Konzept beeindrucken, es sei denn auf der Motorhaube ist die „richtige“ Verzierung.

    NEVS wird auf beide Seiten des Atlantiks große Probleme haben Autos zu verkaufen, und es bleibt nur zu hoffen, dass die in der Lage sind genügend Autos in China zu verkaufen um am Leben zu bleiben.

    Batterien wird man in fast jeden neuen Auto in der nächste Zukunft finden, von daher ist es von Vorteil die Eigene Batterien selbst zu produzieren. Da hat NEVS einen Vorteil gegenüber andere Hersteller.

    • tauentzien schreibt:

      “Wenn ich deine Logik richtig verstehe, müsste Toyota und Lexus tonnenweise Autos verkaufen, ist aber nicht ganz so.”

      Nein, das meinte ich auch nicht! Die Zeit und die Zulieferer gehen einfach davon aus, dass die Hersteller bei großen Autos auf Hybrid setzen müssen und ohne Elektromotor gar kein Benziner mehr angeboten werden wird, da man andernfalls die Grenzwerte nicht erreicht. Der Kunde wird nach dieser Ansicht also bei großen Autos gar keine Wahl mehr haben sondern fast ausschließlich nur noch Hybridautos kaufen können.

  2. Marcus schreibt:

    ehrlich gesagt möchte nevs in der zukunft doch antworten auf etwas geben, wonach keiner gefragt hat.
    niemand braucht einen saab-verschnitt von nevs und vermutlich werden die europäer auch noch sehr lange keinen zu gesicht bekommen.
    für mich ist das thema „neu-saab“ im moment erledigt – von nevs kaufe ich nix und meinen saab 901 behalte ich sowieso.

  3. Joachim schreibt:

    Irgendwie entsteht bei mir langsam der Eindruck (kein Marketing, keine Ankündigung von Modellen etc.), als wenn NEVS mit der Produktion von ein paar Autos in Trollhättan lediglich die Auflagen der SAAB AB erfüllen will und damit dann später der Name SAAB insbesondere auf den China-Erzeugnissen prangen darf.

    Bisher hat man doch eigentlich nur gezeigt, dass der europäische oder auch amerikanische SAAB-Interessent kaum von Bedeutung ist – obwohl für einen gut gemachten Hybrid-SAAB mit Sicherheit weltweit entsprechende Kundschaft vorhanden wäre!

    Aber vielleicht wird man ja doch noch positiv von NEVS überrascht – mal sehen.

  4. Thor schreibt:

    denke da ist Volvo auf einem sehr sehr guten Weg die gesetzlichen Grenzen einzuhalten da mit der neuen 4 Zylindermotorenplattform VEA sicherlich auch der Diesel oder Benzinverbrauch gesenkt wird… und diese Motoren in allen Baureihen zur Anwendung kommen sollen was man so liest…..weiters entwickeln sie gerade ein KERS-FlywheelSystem

    und einen V60 PLuginhybrid gibt schon so wie den C30 Electric

    die Sicherheitsfeatures von Volvo sind meiner Meinung nach State of the Art und werden diese auch ständig weiterentwickelt im Sinne des Projektes 2020.

    meiner Meinung nach ist die Marke Volvo die einzige Wahl………….. wenn es um einen Neuwagenkauf ginge………… NEVS wird sicherlich noch lange brauchen um ein Auto am Puls der Zeit zu präsentieren, wobei man sich als Beobachter am Rande schon sehr schwer tut an einen Restart der Marke zu glauben

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