Saab-Spyker: Schwedische Steuerbehörden in Aktion

Lange Zeit war es sehr ruhig um Saab geworden. NEVS arbeitet weiter an der Wiederaufnahme der Produktion des 9-3II und letzte Nachricht aus dieser Richtung war lediglich die Ausschreibung einiger offener Stellen. Victor Mullers Prozess gegen GM war nach mehreren Vertagungen auf unbestimmte Zeit durch das US-Gericht ins Stocken geraten. Auch von dieser Seite keine Neuigkeiten. Doch gestern platzte dann die Bombe! Die schwedischen Behörden wurden in einer schon etwas älteren Angelegenheit aus der Spyker-Ära aktiv.

Gestern wurden drei ehemalige Saab-Manager in Lund und Göteborg einer polizeilichen Vernehmung „vorgeführt“. Es handelte sich um den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Jan-Ake Jonsson (Bild rechts), die frühere Chefjuristin Kristina Geers und den früheren Finanzchef Karl G. Lindström. Zuerst hieß es, alle drei seien verhaftet worden. Stattgefunden hat aber tatsächlich „nur“ eine Befragung bis heute Nachmittag. Allerdings mussten zwei von ihnen, Jan Ake Jonsson und Kristina Geers, die Nacht im Polizeigewahrsam verbringen. Begründet wurde diese Maßnahme durch die Polizei damit, dass die Beschuldigten sich untereinander nicht absprechen sollten. Zusätzlich wurden auf Anfrage der schwedischen Polizei die Firmenräume von Spyker in Zeewolde durch die niederländische Polizei durchsucht.

Was ist der Hintergrund für das außergewöhnlich harte Eingreifen der schwedischen Polizei? Bisher gab es für die Öffentlichkeit nur eine offene Steuerangelegenheit im Saab-Dunstkreis – die Steuerakte Victor Muller. Allerdings existiert wohl schon seit Mai 2011 ein weiteres Steuerverfahren gegen die drei ex-Saab-Manager. Jonsson und Geers wird Steuerhinterziehung und die Behinderung von behördlichen Kontrollen vorgeworfen. Lindström soll beide dabei unterstützt haben. Angeblich sollen die drei Manager die Buchführung bei Saab vorsätzlich so kompliziert gestaltet haben, dass die schwedischen Steuerbehörden bei der Prüfung behindert worden seien. Ziel sei die Vermeidung von Steuerzahlungen gewesen.

Laut Berichten in der schwedischen Zeitung TTela geht es hier nicht um die Steuerangelegenheit von Victor Muller. Die schwedischen Behörden hätten in dieser Sache auch keinen Kontakt mit ihm aufgenommen. Anscheinend muss man also die causa Muller von der causa Saab-Spyker trennen. Trotzdem könnte sich noch ein Zusammenhang zur Muller-Geschichte ergeben, da es auch hier um die Saab-Buchführung im weiteren Sinne geht.

Das Muller-Steuerverfahren: Die schwedischen Steuerbehörden verlangen eine Steuernachzahlung in Höhe von 237.000 Euro von Victor Muller. Hintergrund: Victor Muller erhielt monatlich ca. 50.000 Euro von Saab als Beraterhonorar – insgesamt ca. 950.000 Euro in knapp zwei Jahren. Dies geschah aber nicht direkt von Saab an ihn, sondern über den Umweg seiner Firma Latin American Tug Holding N.V. auf den niederländischen Antillen an sein Privatkonto nach Spanien.

Die schwedischen Behörden haben diese Beträge in Schweden steuerpflichtig gemacht und Mullers schwedische Steuerbescheide der Jahre 2010 und 2011 neu erstellt. Nach ihrer Ansicht handelt es sich bei den Zahlungen nicht um die Begleichung von Beratungsleistungen sondern um Mullers Gehalt als Vorstandsvorsitzender von Saab Automobile – also um normalen Lohn eines Angestellten. Die Konstruktion der Beraterhonorare mit der Zahlung aus den niederländischen Antillen sei laut Steuerbehörden lediglich zur Umgehung der schwedischen Steuerpflicht gewählt worden. Victor Muller akzeptiert diese Steuerforderung nicht und hat dagegen Klage eingereicht.

Möglich ist also, dass es hier um die Saab-Buchführung dieser Muller-Zahlungen geht, für die jetzt Jonsson, Geers und Lindström verantwortlich gemacht werden. Möglich, aber noch nicht bestätigt. Wie schwer und weit die Vorwürfe tragen, ist bisher nicht bekannt. Grundsätzlich könnte für alle drei eine Haftstrafe von bis zu 4 Jahren im Raum stehen. Jedoch scheinen sich die ersten Annahmen der schwedischen Behörden nicht bestätigt zu haben. Alle drei Manager sind wieder auf freiem Fuss – einen Haftgrund hat es also nicht oder nicht mehr gegeben.

Auch aus meiner Sicht liegt auf den ersten Blick insgesamt eine recht ungewöhnliche und harte Maßnahme vor. Aufgrund der Art der Vorwürfe erscheint es auch etwas seltsam, warum die schwedische Polizei keine normale Befragung durchführen konnte sondern zur Verhinderung von Absprachen die Manager in Gewahrsam nimmt – und das vermutlich ohne Haftbefehl. Allerdings können wir und ich den Vorgang von hier aus sicher nicht abschließend und vollständig beurteilen.

Victor Muller, der in wie gesagt in einer anderen (oder doch in der gleichen?) Steuer-Angelegenheit zwischenzeitlich vor Gericht gegen die schwedischen Behörden klagt, war bisher nicht zu einer Stellungnahme bereit. Kein Wunder bei einem schwebenden Prozess.

Insgesamt kein guter Wochenstart. Anstatt mit positiven Nachrichten über Saab aufzuwarten droht uns wieder eine langwierige Vergangenheitsbewältigung mit vielen negativen Schlagzeilen in der Presse. Das ist nicht gut für die Marke Saab und dürfte auch NEVS nicht gerade begeistern. Denn obwohl NEVS mit den aktuellen Ereignissen nicht in Zusammenhang steht haben negative Berichte über die Saab-Vergangenheit sicher auch eine negative Auswirkung für NEVS.

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3 Antworten zu Saab-Spyker: Schwedische Steuerbehörden in Aktion

  1. Marcus schreibt:

    meiner kenntnis nach hat vm seine steuerschulden bezahlt, wenn auch unter vorbehalt, was sein gutes recht ist. daher hat er aus diesen gründen nichts zu befürchten.

    • tauentzien schreibt:

      Bezahlen musste er, da die Klage keine aufschiebende Wirkung hat. Auch strafrechtlich reicht die Bezahlung ja nicht aus, um eine Bestrafung abzuwenden. Mal sehen, wie es weitergeht und ob und welche Zusammenhänge sich auftun.

  2. Marcus schreibt:

    ich bin zwar kein experte für schwedisches steuer- oder strafrecht, aber wenn er der zahlungsaufforderung nachgekommen ist, hat er strafrechtlich in dieser sache meiner meinung nach nichts zu befürchten.

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