Neues zu Saab – 15.10.2012

Es tut sich wieder etwas in Trollhättan. Die Pläne von NEVS konkretisieren sich etwas. Daneben gibt es aber auch weitere, für NEVS vielleicht nicht so gute Nachrichten. Zunächst zu den Plänen von NEVS: NEVS-Vizepräsident Mattias Bergmann hatte bereits am Wochenende auf dem Saabsunited Octoberfest angekündigt, dass man mit Saab Parts zusammenarbeiten werde. Dazu gehört zunächst die Nutzung von Produktionsanlagen von Saab/NEVS zur Herstellung von Ersatzteilen durch Saab Parts. Heute hat sich Mattias Bergmann auch noch zu weiteren Details der NEVS-Planung geäußert.

Eigentlich ging es in der Äußerung von Bergmann gegenüber der Presse um den Produktionsstart des Presswerks. Seit heute werden dort wieder Ersatzteile für Saab Parts produziert. Diese Vermietung an Saab Parts macht Sinn, denn dadurch gibt es zumindest kleinere Einnahmen für NEVS.

Aber auch zum nächsten Projekt von NEVS hat sich Bermann geräußert. Ende 2013, Anfang 2014 soll der bisher Saab 9-3 ePower genannte Wagen auf den Markt kommen. 9-3 ePower ist noch der alte Saab-Name, der inzwischen obsolet ist. Das Entwicklungsprojekt heisst bei NEVS EV1 – die neue Modellbezeichnung ist noch unbekannt. Der „alte“ 9-3 wird innen wie außen optisch verändert werden, doch laut Bermann basiert die Technologie auf dem 9-3 ePower.

Laut Bergmann will NEVS erster Premium-Hersteller bei Elektrofahrzeugen werden; Hauptmarkt sei China. Dieses Land habe sich ehrgeizige Ziele bei der Elektromobilität gesetzt und dies sei bei der „Mobilisierung“ der chinesischen Bevölkerung auch notwendig, da ansonsten der Benzinverbrauch weltweit nicht mehr gedeckt werden könne. China sei dabei, bis zum Jahr 2015 einen großen Ausbau der Infrastruktur, insbesondere von Ladestationen, voranzutreiben.

Priorität sei jetzt die Rekrutierung von weiteren Mitarbeitern in Trollhättan und den Wiederaufnahme der Beziehungen zu den Zulieferfirmen. Des weiteren sei das Innovatum sehr hilfreich (aber nicht wesentlich), da dort Projekte wie die Elektrifizierung von Fahrzeugen „angeschoben“ würden und natürlich das Wissen von Saab in den Ausgründungen vorhanden sei. Das wichtigste sei aber, dass die Autos gekauft werden.

Scheinbar findet bei NEVS gerade ein Wechsel in der Öffentlichkeitsarbeit statt. Man muss die Öffentlichkeit gewinnen, um Erfolg zu haben. Dies scheint man bei NEVS erkannt zu haben. Allerdings sind die jetzt bekannten Informationen nicht gerade weltbewegende Neuigkeiten. Ob man mehr erwarten kann, muss jeder selber entscheiden. Problematisch ist jedoch, dass diese Informationen mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten.

Weiterhin muss man am bisher bekannten Geschäftsmodell von NEVS zweifeln. Wenn man China als Hauptmarkt im Auge hat, dann ist das sicher aufgrund der Föderung der eMobilität in China nicht ganz falsch. Aber dann stellt man sich natürlich gleich die Frage, wozu NEVS dazu ein teures Werk und eine teure Produktion in Schweden benötigt. Selbst Apple fertigt in China. NEVS hätte sich also auf eine Entwicklungsabteilung in Schweden beschränken können und die Produktion könnte in China stattfinden. Warum hält man an einer Fertigung in Schweden fest? Wozu ist das Werk in Trollhättan gedacht? Die Verlagerung der Werkzeuge des 9-3II, der ja als erstes als E-Mobil von NEVS gebaut werden soll, nach China ist recht einfach möglich und neue Zulieferer kann man auch in China finden, wie das Beispiel Rover zeigt.

Auch die Aussage, dass man erster Premium-Hersteller von eFahrzeugen werden will, ist zwar ambitioniert, aber nicht gerade realistisch. Auf diesem Markt tummeln sich einige schon bekannte Hersteller. Tesla ist nur ein Beispiel, deren Fahrzeuge Richtung Premium gehen. Andere Hersteller werden nachziehen. Und ob Saab als Marke tatsächlich Premium ist, muss man auch in Frage stellen. Saab war immer etwas besonderes, aber Premium im eigentzlichen Sinne war man nicht ganz. Die Aussagen von Bergmann scheinen mir positiv formuliert ein ehrgeiziges Ziel von NEVS darzustellen. Aber man sieht, die bekannte Planung bleibt insgesamt weiter nicht stimmig und sowas sorgt in der Öffentlichkeit nicht für Akzeptanz oder Unterstützung. Hier liegt also noch eine Menge Arbeit vor NEVS.

Insbesondere die Aussage Bergmanns zu den Elektro-Projekten und zur Technologie in den Ausgründungen von Saab ist auch noch in anderer Hinsicht interessant. Genau sagte Bergmann „hilfreich, aber nicht wesentlich“. Trotzdem könnte die nächste Meldung eine schlechte Nachrichten für NEVS sein. In verschiedenen Artikeln wurde hier ja bereits über die Ausgründungen aus Saab berichtet. Viele ehemalige Saab-Ingenieure haben sich selbständig gemacht. Oftmals wurden kleine Ingenieursfirmen mit Hilfe des Innovatums in Trollhättan gegründet. Diese Entwicklung begann bereits noch zu Lebzeiten von Saab und setzte sich dann nach der Insolvenz verstärkt fort. Dadurch war gewährleistet, dass ein großer Teil der Saab-Technologie und vor allem der Saab-Ingenieure weiterhin für einen Käufer von Saab zur Verfügung stehen.

Trotzdem sind diese Ausgründungen natürlich unabhängig. Und damit können Entwicklungen einsetzen, die nicht im Sinne von NEVS liegen. Da hier sehr viel automobiles Know-how vorhanden ist, sind diese Firmen auch für andere Automobilhersteller interessant. Und zwar für gerade die Hersteller, denen ein solches Wissen fehlt. Jetzt haben wir den ersten bekannten Fall, dass eine solche Ausgründung nicht nur Auftragnehmer für andere Firmen ist, sondern direkt von einem Automobilhersteller gekauft wurde.

Ganz aktuell hat der chinesische Hersteller Dong Feng die Saab-Ausgründung T Engineering mit 32 Mitarbeitern gekauft – sprich er hat 70% der Anteile übernommen. An sich nichts schlimmes und auch von der Größe der Ausgründung vielleicht nicht problematisch, aber für NEVS ist natürlich dieses Unternehmen mit seinem Saab-Wissen „verloren“. Brisant ist dabei, dass Dong Feng T Engineering übernommen hat, um die dort vorhandenen Kenntnisse auf dem Gebiet der Hybrid- und Elektrofahrzeuge zu nutzen.

Sollte aus diesem Verkauf ein Trend werden, dann dürfte die Saab-Technologie recht bald im Ausland „verschwunden“ sein und NEVS unter Umständen nicht mehr zur Verfügung stehen. Ob jetzt konkret Handlungsbedarf für NEVS besteht, kann ich natürlich nicht sagen, aber zumindest sollte man diese Entwicklung genau beobachten.

Nach soviel Informationen über Gegenwart und Zukunft zu guter Letzt wieder etwas Vergangenheitsbewältigung. Das schwedische Fernsehen wird sich bald mit der Saab Insolvenz beschäftigen. Das TV-Magazin “Uppdrag Granskning” will die Zusammenhänge der „Saab-Affäre“ – also die Einflussnahme von schwedischer Regierung, EIB und GM auf Saab klären. Auch will man darstellen, wie Saab von Victor Muller geführt wurde und wie die Finanzierungsströme liefen. Ob die Frage, warum Saab in die Insolvenz ging, umfassend geklärt wird, bleibt abzuwarten. Interessant dürfte die Sendung, die am 31. Oktober ausgestrahlt werden soll, auf jeden Fall werden.

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6 Antworten zu Neues zu Saab – 15.10.2012

  1. blueperformance schreibt:

    Jetzt fehlt nach T Engineering nur noch Vicura um den Drivetrain komplett zu haben. Der Deal zeigt den Unterschied zu Youngman.

  2. Paul schreibt:

    Nicht alles so schlecht machen. Die Käufer von SAAB sind doch keine Idioten. Sie geben doch ihr Geld nicht für Luftschlösser aus. Das braucht schon seine Zeit bis die „Karre“ läuft. Abwarten, da kommt auch in den nächsten 2 Jahren ein ganz normales Model zum Vorschein.

  3. URS schreibt:

    Was mich etwas wundert an den Plänen für Elektrofahrzeuge in China, ist der Ausbau der Infrastruktur für Ladestationen. Elektrizität ist in China noch nicht so verfügbar wie hier. Abseits der grossen Stadte gibt es nach wie vor noch grössere Engpässe in der Stomversorgung – sprich Unterbrüche. Setzt sich das Wirtschaftwachstum fort, wird diese Knappheit an Elektrizität auch nicht so schnell verschwinden.
    Bis da wieder Geld in die NEVS zurückfliesst, wird sich schon noch einiges ändern müssen. Andererseits hat ja auch schon manch mutiger Schritt zum Ziel geführt. So bleibt zu hoffen dass NEVS neben dem Mut auch die Kraft dazu hat.

  4. Marcus schreibt:

    was ist denn eigentlich saab? saab waren die menschen, die die autos konstruiert und gebaut haben, saab waren natürlich die autos selbst und saab war auch der exotenstatus in deutschland, sowie das skandinavische dieser marke an sich.
    was hat denn das heute damit noch zu tun? nullkommanichts – ausser dem namen und leeren produktionsräumen.
    der focus von nevs liegt nach deren aussage eindeutig in china – was hat das dann mit mir noch zu tun? keine autos, keine interesse an den kunden von saab und hirngespinste für die zukunft, sodass bereits partner abgesprungen sind.
    nein, das ist nevs und nicht saab. saab ist das was ich habe und hoffentlich noch lange nutzen kann. vielleicht geht ja irgendwann irgendwem ein ,licht auf, dass hier ein sicher nicht uninteressantes marktsegment brach liegt und einigt sich mit nevs, damit wieder autos gebaut werden und keine phantastereien.

  5. 9000er schreibt:

    Ich bin gespannt, was da nun wirklich bei herauskommt. Vielleicht packt NEVS das Thema ja wirklich ernsthaft an. Denn seien wir doch mal ehrlich, so viel Spaß unsere Turbos auch machen, aber so kann es auf Dauer nicht weitergehen. Bei dem deutschen Michel kommt das natürlich schlecht an, der braucht möglichst senen 6-Zylinder vor der Tür, deshalb konnte SAAB ja auch nur bei der kleinen Fangemeinde Fuß fassen.
    Vor Jahren hatte ich mal überlegt einen 9-5 Bio-Power zu kaufen. Als ich nach der Probefahrt wieder in meinem 9000er saß, dachte ich :“was machst Du eigentlich, es ist doch alles gut?“ Der 9-5 war natürlich in einigen Punkten moderner, aber im Prinzip war es doch die gleiche Maschine aus dem letzten Jahrhundert, die mich 40 Scheine gekostet hätte. Die hätten sich nach zehn Jahren wieder in Luft aufgelöst – alles nicht Zukunftsfähig. Also fahre ich den 9000er weiter solange es geht, es ist ja alles in Ordnung. Er ist heute noch schnell, komfortabel und er ist ein sehr treues Familienmitglied.
    Volvo hat den V-60 Plug-in-Diesel mit 50 KM elektrischer Reichweite fertig, der würde mich elektrisch zur Arbeit/Stadt und zurück bringen und man hätte gleichzeitig einen schönen Reisewagen. Das ist auch ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch noch nicht vollkommen.
    Man sollte die Chinesen nicht immer so abfällig bewerten, ich glaube schon, dass die Regierung erkannt hat, dass die 1,5 Millarden nicht so Auto fahren können wie wir und die Amerikaner es seit 50 Jahren tun.
    Also Kopf hoch vielleicht kommt da doch etwas bei raus…

  6. Detlef Rudolf schreibt:

    Beide Ansichten – die von Marcus und die vom 9000er – sind irgendwie richtig. NEVS sollte somit auf lange Sicht nicht nur Elektro-Fahrzeuge anbieten – selbst wenn diese dann weitgehend ausgereift wären, würde diese Technik höchstwahrscheinlich Minuspunkte wie eine zu geringe Zuladung und zu geringe Reichweite nicht gänzlich aus der Welt schaffen können.

    Mir persönlich würde für die täglichen Fahrten ein Elektrofahrzeug zwar schon völlig ausreichen – was macht man allerdings, wenn beispielsweise eine Urlaubsfahrt ins nördliche Dänemark ansteht? Diese gut 500 km wurden bisher immer in einem „Rutsch“ von Stormarn aus mit dem 9-5er absolviert – mit einem E.-Auto wäre derzeit eine größere Pause kurz vor dem Ziel zwecks Aufladung angesagt. Als Kunde würde ich somit künftig gern zu einem Hybrid-SAAB (ähnlich wie Prius – nur formschöner) greifen können – das Auto dürfte auch gern etwas mehr Power als der Prius haben.

    Sollte da von SAAB wider Erwarten nichts kommen, würde ich irgendwann vermutlich bei einem entsprechenden Hybrid-Hersteller landen – bleibt nur zu hoffen, dass die Leute von NEVS „offene Ohren“ haben, damit künftig auch die alten SAAB-Enthusiasten aus einem wirklich breiten SAAB-Programm (Elektro und Hybrid) wählen können.

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