Kommentar: Youngman oder NEVS?

Die Tendenz geht eindeutig Richtung NEVS als Käufer von Saab. Die DI hat NEVS – aus meiner Sicht ziemlich voreilig – schon zum Sieger des Bieterwettbewerbs erklärt. Derweil gibt es heftige Diskussionen, ob NEVS überhaupt ein tragfähiges Konzept hat. Insbesondere an der Produktion von Elektrofahrzeugen scheiden sich die Geister. Aber auch zum finanziellen Hintergrund von NEVS gibt bisher kaum Informationen und dadurch auch erhebliche Zweifel. Dies schürt natürlich die Diskussion bei den Saab-Fans.


Zunächst finde ich es gut, dass hier im Blog oder auch in anderen Saab-Foren lebhaft diskutiert wird. Konforme Einheitsmeinungen mag ich sowieso nicht, auch gibt nicht nur schwarz oder weiß, sondern viele Grautöne. Und es gibt viele Gründe, die für und gegen NEVS sprechen. Diese sollen und müssen sachlich, aber gerne kontrovers diskutiert werden. Das Problem dabei ist, dass die Pläne von NEVS eigentlich nicht bekannt sind. Es gibt nur wenige Aussagen von NEVS-Sprechern, die nicht sonderlich genau sind. Dies heizt natürlich die Spekulationen an.

Zunächst wissen wir, dass Youngman zuletzt ca. 440 Mio. Euro für Saab und Saab Parts bietet, während NEVS lediglich ca. 180 Mio. Euro für Saab auf den Tisch legen will, aber an Saab Parts kein Interesse hat. Hier zeigt sich eigentlich eine erhebliche Diskrepanz zwischen den Summen. Trotzdem scheint Youngman mit seinem vordergründig viel höheren Gebot nicht gehört zu werden. Die Gründe der Insolvenzverwalter dafür sind weiter nicht bekannt. Aber wenn man sich die Summen genauer betrachtet, dann ist der Unterschied gar nicht so groß.

Die Reichsschuldenverwaltung möchte ca. 230 Mio. Euro für Saab Parts haben. Wenn man diese Summe vom Youngman-Gebot abzieht, dann bietet Youngman für Saab selbst 210 Mio. Euro. Jetzt liegen die Gebote nur noch ca. 30 bis 40 Mio. Euro auseinander. Immer noch eine große Summe, aber wenn noch weitere Aspekte dazutreten, dann kann man als Insolvenzverwalter leicht begründen, warum man das niedrigere Gebot bevorzugt hat.

Wenn wir gerade beim Geld sind: Unklar ist die weitere Finanzierung der Bieter. Hier scheint zunächst Youngman die besseren Karten zu haben. Durch die Verbindung zur NDRC und zur chinesischen Regierung mögen Youngman riesige Geldquellen offen stehen. NEVS‘ Geldquellen sind dagegen nicht bekannt und viel Zutrauen in eine gesicherte Finanzierung von NEVS scheint bei vielen nicht vorhanden zu sein. Trotzdem, auch hier fehlen uns Informationen, die vielleicht den Insolvenzverwaltern vorliegen. Zusätzlich sollten wir bedenken, dass Youngman zwar ein großer Bus- und Lkw-Hersteller ist. Aber finanziell wird man aus eigener Kraft das „Abenteuer“ Saab nicht stemmen können. Youngman ist also völlig von der chinesischen Regierung abhängig. Und Regierungen können sehr wankelmütig sein. Daher stellt auch die Youngman-Finanzierung ein nicht unerhebliches Risiko dar.

Der nächste Punkt ist natürlich Saab Parts. NEVS hat kein Interesse an Saab Parts. In diesem Fall will die Reichsschuldenverwaltung Saab Parts quasi für die nächsten 8 Jahre verstaatlichen. Jetzt stellt sich die Frage, ob NEVS damit die Bindung zur Saab-Tradition aufgeben will und an dieser Tradition kein Interesse hat. Auch diese Frage können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Möglich ist diese Einstellung von NEVS, aber nicht zwangsläufig.

Nur weil Saab Parts nicht auf der Einkaufsliste von NEVS steht, bedeutet dies nicht unbedingt eine Ablehnung der Saab-Tradition. Möglich wäre auch, dass NEVS nur für das „Kerngeschäft“ zunächst Geld ausgeben will und die gesparten Investitionen eher für die zukünftige Entwicklung von Saab selbst einsetzen will. Hier gibt es viele Möglichkeiten. Vielleicht scheut NEVS die Risiken, die bei Saab Parts vorhanden sind. Zusammen mit dem hohen Preis für Saab Parts liegen hier erhebliche Aufwendungen und eine hohe Bindung von Kapital, das woanders – bei Saab selbst – besser eingesetzt wäre.

Außerdem ist der geforderte Kaufpreis für Saab Parts nicht sonderlich günstig, auch wenn schwedische Beteiligte immer wieder über den „Wertverlust“ von Saab Parts jammern. 2004 verkaufte MG Rover noch vor der Insolvenz das Ersatzteilgeschäft an Caterpillar. Gut für die Rover-Besitzer, die heute noch gut mit Ersatzteilen versorgt werden können. Aber MG Rover erlöste nur ca. 70 Mio. Euro, obwohl noch mehr MG-Rover Fahrzeuge unterwegs sind als Saab-Fahrzeuge.  Also ein Sonderangebot ist Saab Parts nicht. Und ob die Gewinne vergangener Tage aussagekräftig sind, wage ich zu bezweifeln.

So, jetzt aber zu den Plänen von NEVS. Viel ist nicht bekannt. Eigentlich gibt es nur zwei wage Aussagen. Zum einen will man neben Elektrofahrzeugen auch alternative Energien und Autobatterien (wohl für E-Fahrzeuge) produzieren. Hört sich nicht toll an. Die zweite Aussage hört sich besser an. Neben dem Saab E-Fahrzeug will man als Lückenfüller zunächst ein japanisches Elektrofahrzeug bauen. In zwei bis drei Jahren will man dann den Saab 9-3III wie schon von Saab bisher geplant auf den Markt bringen.

Wenn man die zweite Aussage von NEVS nimmt, dann sind das eigentlich fast die gleichen Aussagen wie von Youngman. Offensichtlich wollen alle Bieter auf den Saab 9-3III setzen, der bekanntlich mit dem Hybrid-Antrieb eXWD auf den Markt kommen sollte. eXWD ist kein klassischer Hybrid-Antrieb, sondern eher ein „Mild-Hybrid“ der neben dem Benzinsparen auch dem 9-3III ganz nach Wunsch des Fahrers noch sportlicher machen kann. Eigentlich ideal und auch vom Aufpreis her dürfte das System nicht zu teuer werden. Die Bieter unterscheiden sich dann nur noch in der Überbrückung der Zwischenphase vor dem 9-3III. Im Gegensatz zu NEVS will Youngman angeblich statt der E-Autos billige Youngman-Lotus-Fahrzeuge in Trollhättan bauen. Was da besser ist, muss jeder für sich selber entscheiden.

Ich bin weder ein Fan von Youngman oder NEVS. Daher kann ich nach jetzigem Imformationsstand nicht beurteilen, welches Gebot besser oder schlechter ist oder wie zuverlässig einzelne Bieter konkret sind. Bisher haben wir bei der Zuverlässigkeit lediglich Erfahrungen mit Youngman gemacht und die warten eher „untermittelprächtig“. Auch die Planungen aller Bieter sind höchstens wage bekannt und können sich noch deutlich ändern. Zum Beispiel könnten die echten Planung von Youngman ganz anders aussehen, als bisher in der Öffentlichkeit behauptet. Ich will jetzt trotzdem keine Lanze für NEVS oder gegen Youngman brechen. Zwischenzeitlich gibt es bei mir auch keinen persönlichen Favoriten mehr. Mir geht es lediglich darum, ein paar Denkanstöße zu geben. Es gibt aus meiner Sicht die Möglichkeit, dass  NEVS nicht nur schlecht für Saab ist, sondern auch eine positive Entwicklung bewirken könnte.

Ich plädiere dafür, erstmal abzuwarten und dem Käufer von Saab, sei es Youngman, NEVS oder auch ein ominöser unbekannter Bieter aus München, der wohl eher ein Wunschtraum einiger war, dann eine langfristige Chance zu geben. Zur Zeit scheint NEVS der Käufer zu werden. Aber bis zur angeblich demnächst stattfindenden offiziellen Pressekonferenz der Insolvenzverwalter – eine offizielle Ankündigung gibt es noch gar nicht – ist noch nichts sicher und wir werden weiterhin sehr viel Spekulation aufgrund von ganz wenigen Fakten miterleben. Warten wir also erstmal ab. Wahrscheinlich können wir erst in einigen Jahren beurteilen, ob der richtige Käufer für Saab gefunden wurde.

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Eine Antwort zu Kommentar: Youngman oder NEVS?

  1. Marcus schreibt:

    laut ttela gibt es heute um 13.00 uhr eine pressekonferenz der verwalter, bei der der käufer bekanntgegeben wird.

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