Das letzte Jahr von Saab

Leider gibt es weiterhin keine Neuigkeiten von Saab. Laut der schwedischen Zeitung TTela befinden sich die Verhandlungen mit den zwei oder drei Bietern in der kritischen bzw. entscheidenden Phase. Auf Nachfrage der TTela wollte sich Insolvenzverwalter Hans Bergqvist aber nicht zum Stand der Verhandlungen äußern. Dies ist auch sinnvoll, wenn man gerade mitten in den entscheidenden Verhandlungen steckt.

Zur „Überbrückung“ habe ich mal einen interessanten Beitrag des Radiosenders P4 Väst über das letzte Jahr von Saab übersetzt. Darin gibt es zwar keine neuen Informationen, aber doch einen interessanten Rückblick aus einer etwas anderen Perspektive.

P4Väst: Das letzte Jahr vor der Insolvenz von Saab

Es ist jetzt fünf Monaten her seit Saab in Trollhättan in die Insolvenz ging. Was ist wirklich passiert im letzten Jahr? Wir werden am 23. Februar 2011 beginnen, den Tag an dem Saab seine Unabhängigkeit feierte. Ein Jahr mit den neuen Eigentümern. Das letzte Jahr vor der Insolvenz von Saab

„Lassen Sie mich Ihnen Victor Muller, Aufsichtsratsvorsitzender von Saab, präsentieren!“ Am Mittwoch, den 23. Februar 2011, präsentiert Saab-Chef Jan-Ake Jonsson den Aufsichtsratsvorsitzenden Victor Muller. Auf einem Video, das das Unternehmen selbst auf Youtube gepostet hat, sind Bilder der Feier und die Freude in der Saab-Fabrik in Trollhättan zu sehen. Saabs erstes Jahr als eigenständiges Unternehmen – Independence Day.

„Hier sind wir, mit einem brandneuen Unternehmen und feiern unser erstes Jahr. Mit ganz neuen Produkten, einem großen Management-Team und den treuesten Mitarbeiter, die ein Unternehmen jemals haben kann“, so Müller damals in seiner Rede.

Saab-Arbeiter Stefan Karlsson war auch da an diesem Tag. Er war damals sehr begeistert: „Tomas Ledin kam zu einem Auftritt und alles war toll. Es passiert nicht oft, dass man zu so einer Feier eingeladen wird“. Stefan Karlsson ist bei Saab in Trollhättan seit 1984 angestellt. Er war bei Saab nicht die ganze Zeit, aber etwa 17 Jahren sind es geworden.

An diesem Tag, den 23. Februar, erinnert er sich als ein Tag der Freude: „Im Jahr zuvor wollte der frühere Eigentümer General Motors Saab in stürmischen Formen loswerden. Victor Muller wurde der Saab-Retter. Das erste Jahr unter einem neuen Eigentümer war schwierig gewesen, der Pkw-Absatz lief schleppend, aber jetzt, jetzt würde sich alles ändern. Eine solche Party würde nicht stattfinden, wenn sie nicht über Geld verfügen würden. Es war unwahrscheinlich, dass die Feier stattfinden würde um die Mitarbeiter zu täuschen.“

Auf der Bühne im Inneren der Saab-Fabrik beginnt am 23. Februar 2011 die Rede von Victor Muller. Die Zukunft gehört uns! Und diese Zukunft wird mit wunderbaren Dinge aus dieser großen Autofirma ausgefüllt, sagte Victor Muller.

Bei Saab arbeitete auch Anna Petre. 13 Jahre war sie im Unternehmen. Gegen Ende arbeitete sie sehr eng mit dem Saab-Management und Victor Muller zusammen. „Wir wussten damals, dass es wirklich hart ausschaute und das Management hatten bereits begonnen, nach frischem Geld zu suchen. Der Fahrzeugverkauf hatte sich nicht gerade in der Art und Weise wie im Business-Plan beschrieben entwickelt und dadurch fehlt es auch an Geld.“ Anfang 2011 geht es bereits um die Jagd nach Geld, da Saab noch nicht einmal die Hälfte des geplanten Umsatzes im letzten Jahr erreicht hatte. Ursprünglich dachte man, dass 60.000 Autos verkauft würden. Es waren dann etwas mehr als 28 000.

Die Lösung jedoch, eine neue Finanzierung, kommt nicht zustande, und die Spedition Schenker, die Materialien an Saab liefert, ist mit den folgenden Ereignissen eng verbunden. In Schenker-Zentrale in Göteborg ist Geschäftsführer Ingvar Nilsson tätig und sieht, wie es für Saab immer schwieriger wird, die ausstehenden Forderungen zu bezahlen: „Ende März 2011 erhielten wir eine Reihe von Anzeichen dafür, dass Saab nicht bezahlen konnten, und auch ihre Zahlungen bei uns wurden problematisch. Unsere Einschätzung war, dass die finanzielle Ausstattung von Saab nicht nachhaltig war und als Jan-Ake Jonsson das Unternehmen verließ, sahen wir es als ein weiteres Indiz dafür, dass nicht alles war, wie es sein sollten. Und dann haben wir begonnen, unsere Forderung einzuziehen“, sagte Ingvar Nilsson.

Vier Wochen nach dem ersten Geburtstag von Saab, verließ der Geschäftsführer Jan-Ake Jonsson das Unternehmen ein und zwei Wochen später stehen fahren die Schenker LKWs nicht mehr für Saab. Und in der Saab-Fabrik sieht Stefan Karlsson, wie die Bänder, auf denen die Materialversorgung läuft, still stehen.

„Wir hörten aus zwei Quellen, dass es Probleme mit der Abrechnung und EDV-Probleme gibt. Gleichzeitig haben wir von vielen anderen, die uns Materialien lieferten, gehört, dass es offenbar Probleme mit dem Geld sind, insbesondere dass Schenker nicht bezahlt worden sei. Ich erinnere mich sehr gut, dass der Manager kam und sagte, wir könnten drei Tagen zu Hause bleiben und am Montag würden dann die Bänder wieder laufen. Dann war es doch ein wenig anders“, sagt Stefan Karlsson.

Zuvor versuchte Saab Business Development Manager Martin Larsson, Partner in China zu finden. Jetzt fährt Muller selbst dorthin. Im Mai 2011 präsentiert und beendet er einen Deal mit dem chinesischen Unternehmen Hawtai. Im Juni präsentiert er die nächste Lösung. Eine entsprechende Absichtserklärung mit zwei anderen chinesischen Unternehmen. Der Autohändler Pang Da und der Bushersteller Youngman kaufen 54 Prozent der Saab-Eigentümergesellschaft, SWAN. Der Deal muss zunächst von den chinesischen Behörden, insbesondere der NDRC, genehmigt werden, aber die Hoffnung ist wieder geweckt.

Dann kommt der nächste Schlag als die Saab Arbeiter kurz vor Mitsommer ihre Lohnkonten überprüfen. „Nun, es ist also so schlecht, dass sie kein Geld für Gehälter haben“, sagt Stefan Karlsson. „Das Geld fehlte während der ganzen Zeit“, sagt Anna Petre, und fährt fort: „Die Chinesen wollten warten, bis sie die Zustimmung der NDRC hatten. Davor wollten sie kein Geld bereit stellen und wir hatten sehr wenig Sicherheiten noch zu geben.“

Neben der akuten Liquiditätskrise war vielleicht das größte Problem die Vereinbarungen, die Saab mit dem ehemaligen Besitzer General Motors abgeschlossen hatte. General Motors hat die Rechte an den Technologie-Plattformen, auf denen Saab Autos gebaut werden, und könnte grundsätzlich den Saab Verkauf dadurch blockieren.

Im Herbst, im September, geht es dann nicht mehr weiter. Die Kronofogden hat damit begonnen, Saabs Vermögenswerte zu beschlagnahmen und noch immer liegt keine Entscheidung der chinesischen Behörden vor. Saab sucht das Rekonstruktionsverfahren. Aber Victor Muller sieht es als etwas Positives an. Dadurch hat das Unternehmen eine Chance, sich mit Youngman und Pang Da in Ruhe zusammen zu schließen. „Wir glauben, es wird viel einfacher, Geld für eine Rekonstruktion zu erhalten, wenn das Unternehmen vor Gläubigern geschützt ist“, sagte Victor Muller, als das Unternehmen den Rekonstruktionsantrag einreicht.

Doch der Deal, an den Victor Muller glaubt, kommt nicht zur Erfüllung. Nach ein paar Monaten präsentiert Administrator Guy Lofalk ein anderes Geschäftsmodell. Die chinesischen Gesellschaften Youngman und Pang Da kaufen Saab insgesamt, zu 100 Prozent. Dies ist der Ausgangspunkt des Kampfs zwischen Victor Muller und Guy Lofalk, der noch nicht abgeschlossen ist.

„Von diesem Moment an war es im Grunde ein Absturz direkt in den Boden“, so Muller. Laut Muller wurde Chinesen von Lofalk zum 100 Prozent Deal überzeugt. Nach Lofalk waren es die Chinesen selbst, die es so wollten.

Aber egal, wer Recht hat, es war General Motors, die letztlich den letzten Nagel in den Sarg von Saab geschlagen haben. Denn am Ende wird klar, dass GM mit Saab unabhängig von der Eigentümerstruktur nicht mehr zusammenarbeiten will. „Aus unserer Sicht ist alles, was eine Änderung der Eigentümerstruktur von Saab zum Ziel hat, nicht diskutierbar. Und wir müssen unsere Aktionäre durch den Schutz unseres geistigen Eigentums schützen,“ sagte ein GM-Sprecher im Dezember letzten Jahres.

Am 19. Dezember wirft Victor Muller, der Mann, der niemals aufgibt, schließlich das Handtuch und beantragt für Saab das Insolvenzverfahren. Alle Wege sind ausgeschöpft und es gibt keine Zeit, um den hartnäckigen Widerstand von GM zu brechen. Auf einer Pressekonferenz sprach Victor Muller vom schwärzesten Tag überhaupt in der Geschichte von Saab.

„Guten Tag, heute Morgen um 9.15 Uhr beantragte ich das Insolvenzverfahren für Saab Automobile und zwei Tochtergesellschaften. Es ist wohl der schwärzeste Tag meiner Karriere, der wohl schwärzeste in der Geschichte von Saab“.

Saab Arbeiter Stefan Karlsson spricht über dieses Datum. „Wir hatten mehr oder weniger erwartet, dass es nicht mehr weitergehen würde.“ Fünf Tage vor Weihnachten steht Stefan Karlsson, seit 17 Jahren bei Saab, ohne Job da – und mehr als 3.000 seiner Kollegen. Viele sind immer noch aktuell ohne Job und Stefan Karlsson selbst versucht, seine Weiterbildung fortzusetzen. „Ich möchte mit Menschen arbeiten. Dies habe ich bei Saab getan und ich habe mich auch in der Gewerkschaft engagiert. Dies möchte ich fortsetzen.“

Rechtsanwältin Anna Petre, die eng mit dem Saab-Management arbeitete, ist jetzt vollständig in ihrem neu gestarteten eigenen Unternehmen tätig. Und wenn Sie gefragt wird, was falsch gelaufen ist mit Saab, geht sie zurück in den Herbst 2010, als klar wurde, dass Saab seine Umsatzziele verfehlt. „Entscheidend ist, dass bei keinem Teil der Verwaltung größere Änderungen gemacht wurden, auch nicht in der gesamten Organisation. Ich denke, dass viele Mitarbeiter das Gefühl haben, dass nichts in der Organisation passierte, als Saab ein ganz neues Unternehmen wurde. Wir waren nicht mehr ein Teil des weltweit größten Automobilhersteller, sondern der weltweit kleinste geworden. Eine bestimmte Art der Reorganisation hätte kommen müssen,“ sagt Anna Petre.

Victor Mullers Zeit mit Saab dauerte 23 Monate. Heute hat er wieder die Sportwagenfirma Spyker, die er damals verließ auf der Suche nach neuen unternehmerischen Projekten.

Die Zeit mit Saab im letzten Jahr  beschreibt er als äußerst zäh, als Saab keine Hilfe von außen erhalten hat. „Natürlich hat das Management die Verantwortung, aber mindestens bei ein Dutzend Gelegenheiten wurde die Chance verpasst  Saab zu retten,“ sagt Müller, der von Schwedischen Radio P4 Väst vor ein paar Monate nach der Insolvenz interviewt wurde. „Es ändert nichts an der Tatsache, dass wir, die Geschäftsführung, verantwortlich für Saab sind. Aber etwas Hilfe wäre wertvoll gewesen, aber wir hatten keine. Also wenn ich zurück denke an das letzte Jahr, denke ich in erster Linie die verpassten Chancen – vielleicht ein Dutzend Mal – wenn wir die Firma hätten retten können.“ sagt Müller.

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3 Antworten zu Das letzte Jahr von Saab

  1. Detlef Rudolf schreibt:

    Und da ist sie wieder, die Frage, wie sich eine Regierung (in diesem Falle die schwedische) derart aus der Verantwortung ziehen kann – es ist geradezu unverantwortlich, dass hier nur die absolute Verweigerung aus Stockholm zu verzeichnen ist! Wozu sitzen diese ignoranten Typen überhaupt dort – wenn nicht mal für eine schwedische Traditionsfirma mit ca. 4.000 Arbeitnehmern (+ tausende von Arbeitnehmnern in der Zulieferindustrie usw. usw.) ein Finger krumm gemacht wird?

    Unsere Sicht der Nachbarn in Schweden ist mittlerweile nachhaltig gestört und wir werden – selbst wenn es irgendwann mal wieder SAAB-Automobile geben sollte – mit größter Vorsícht an den Kauf eines weiteren schwedischen Fahrzeugs (einschl.Volvo) herangehen. Der gesamte Ablauf dieser Angelegneheit ist uns (und vielen anderen bisherigen Schweden-Fans vermutlich auch) äußerst negativ aufgefallen!

    Sollte sich nicht schnellstens etwas in Bezug auf den neue Eignetümer tun, werden wir beim nächsten Autokauf in einigen Monaten den sog. Markenwechsel vollziehen und voraussichtlich einen Wagen aus Japan ins Auge fassen.

  2. Marcus schreibt:

    hallo detlef,

    wir fahren seit fast 30 jahren fast jährlich nach schweden in urlaub und haben hierdurch einige freunde dort – aber keine, die sich kontinuierlich als saab-insider aufspielen, gottseidank…
    die schweden snd ein sehr nettes völkchen, aber ihr verhältnis zu ihrer obrigkeit ist etwas „annorlunda“. unsere nachbarin hier ist auch schwedin und irgendwie scheint sie zu meinen, dass die schwedische regierung etwas „göttliche unfehlbarkeit“ an sich hätte.
    schweden lassen sich diesbezüglich auch fast alles gefallen – siehe auch ihre fast fetischistische nutzung ihrer personennummer, ohne die in schweden nichts geht. orwell lässt grüssen.
    aber: ausser saab gibt es für mich eigentlich nur noch jaguar und landrover, die für mich in frage kämen – irgednwie ist saab einfach mehr als nur ein auto, erklären kann ich es nicht…

    ich wünsche dir ein schönes we!

    gruss

    marcus

  3. Detlef Rudolf schreibt:

    Marcus,

    auch wir haben bei unseren Schweden-Urlauben (vorwiegend im Winter) die Bevölkerung durchweg als angenehm und hilfsbereit kennengelernt.

    Die von mir beschriebene Sicht der Schweden, die nicht nur bei uns seit einiger Zeit etwas gestört ist, muß selbstverständlich in erster Linie mit dem Verhalten der Regierenden begründet werden – insbesondere im Zusammenhang mit der SAAB-Problematik. Hier wurde Versagen auf der ganzen Linie deutlich. Hinzu kam noch diese USA-Unterwürfigkeit – einfach nur zum Heulen!

    Jaguar ist natürlich auch eine Alternative – wobei meines Wissens der Nachfolger des X-Typs (der XF) leider keinen Front- und auch keinen Allrad-Antrieb mehr zu bieten hat.

    Aber falls es bei SAAB zur Federführung durch Mahindra kommen sollte, werden wir wohl vermutlich doch der Marke mit dem Greif auch weiterhin treu bleiben – wir hängen nun noch etwas Geduld an.

    Viele Grüße aus Stormarn
    Detlef

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