Testbericht Jaguar S-Type 3.0 Executive

Auch andere Mütter haben schöne Katzen…

Heute werde ich meinen bevorzugten Marken etwas untreu, bleibe jedoch in der „Nähe“. Wenn man sich auf England beschränkt, dann geht es von Longbridge (MG Rover) bei Birmingham nach Castle Bromwich (Jaguar) bei Birmingham.

Demletzt hatte ich die Gelegenheit, einen Jaguar S-Type ausführlich zu testen. Es handelte sich dabei um einen 3.0 Liter-V6-Benziner mit 238 PS und 293 Nm mit 6-Gang Automatikgetriebe.

Der S-Type wurde zwischen 1999 und 2008 gebaut und war die noble britsche Alternative zu Mercedes E-Klasse, BMW 5er-Reihe und Audi A6. Der S-Type war nach langen Jahren der Jaguar XJ-Alleinherrschaft der erste Schritt Jaguars, das Fahrzeugangebot nach unten zu erweitern. „Nach unten“ ist in diesem Zusammenhang natürlich relativ, da der S-Type mit einer Länge von 4,90 Meter eher zu den größeren Vertretern der Oberklasse zu zählen ist. Dabei griff man für den S-Type auf die Lincoln LS Heckantriebsplattform der damaligen Konzernmutter Ford zurück. Jaguar baute darauf ein an die klassischen Jaguar-Limousinen der 50er und 60er Jahre erinnerndes Fahrzeug. Auch der Name S-Type stammt von einer Limousine der 60er Jahre. Zwar brach Jaguar mit dem 30 Jahre verwendeten XJ-Design, schwamm aber trotzdem auf der Ende der 90er verbreiteten Retrowelle mit.

2002 unde 2004 wurde der S-Type überarbeitet. Während man 2002 zunächst Innenraum, Motoren und das Fahrwerk veränderte, wurde 2004 auch das Heckdesign  geändert. Gerade der Innenraum der ersten Version war stark kritisiert worden, da er vom Design und den verarbeiteten Materialien eher billig wirkte.

Ich hatte nun die Gelegenheit, einen der letzten S-Types, die Ende 2007 produziert wurde, ausführlich zu testen. Natürlich konnte ich jetzt nicht wie die bekannten Autozeitschriften die Beschleunigungs- und Verbrauswerte selbst ermitteln.  Auf dem Papier erreicht der 3.0 Liter V6 in Executive-Ausstattung mit serienmäßiger Sechsgang-Automatik 233 km/h Höchstgeschwindigkeit. Von 0 auf 100 km/h beschleunigt der 3.0 Liter in 7,6 Sekunden (Schaltgetriebe) bzw. 7,9 Sekunden (Automatik). Der Verbrauch liegt bei zum Erscheinungszeitpunkt angemessenen 11,9 Litern/100 km.

Die Fahreigenschaften des S-Type sind definitiv eine seiner Paradedisziplinen. Auf nahezu jeglichem Untergrund entpuppt sich das aufwendige Fahrwerk des S-Type als sehr gut abgestimmt: Hervorragender Komfort, gutes Ansprechverhalten und dezente Abrollgeräusche prägen den Fahreindruck, ohne dass bei Seitenneigung oder Agilität spürbare Abstriche hinzunehmen wären. Der Wagen fährt sich insgesamt sehr ausgewogen und macht einen sehr sichern Fahreindruck.

Auch der V6-Benziner, der ja zum Ende der Produktionszeit die Einstiegsmotorisierung darstellte, geht recht spritzig zur Sache. Natürlich darf man bei dem hohen Fahrzeuggewicht von fast 2 Tonnen keine Wunder von 238 PS erwarten. Aber man ist jederzeit souverän und wenn gewünscht ziemlich zügig unterwegs. Von einer Einstiegsmotorisierung im eigentlichen Sinn kann man auf jeden Fall nicht sprechen. Lediglich auf der Autobahn bei höheren Geschwindigkeit muss die Automatik mal herunterschalten, um zügig nochmals zu beschleunigen. Dies kann natürlich der V8 im S-Type souveräner, aber hier geht es um Jammern auf hohem Niveau. Der V6 ist eine sportliche Motorisierung, mit der man sehr schnell unterwegs ist.

Dem sportlichen Charakter des Fahrzeugs entsprechen auch Sitze und Sitzposition. Beim Einsteigen fällt zunächst auf, dass Lenkrad und Fahrersitz sehr weit in Richtung Armaturenbrett bzw. Rücksitz verstellt sind. Dies ermöglicht ein sehr bequemes Einsteigen. Sobald man die Zündung aktiviert hat, bewegen sich Sitz und Lenkrad in die vorher eingespeicherte Position. Nettes Gimmick! Die Sitzposition ist recht tief. Auch sollte man den Sitz nicht sonderlich hoch einstellen, da der S-Type recht geduckt daherkommt und es mit der Kopffreiheit sehr schnell zu Ende geht. Trotzdem lässt sich eine angenehme Fahrposition einnehmen. Die Sitze sind sportlich gehalten. Sie sind straff ausgelegt, was mir persönlich angenehmer als ein weicher Sessel ist. Leider werden die Sitze auf längeren Fahrten problematisch, da es am Langstreckenkomfort etwas fehlt. Nach einer längeren Fahrt melden sich bestimmte Körperteile recht deutlich zu Wort.

Die Rücksitze habe ich jetzt nicht ausführlich getestet. Die Rücksitzbank bietet jedoch sehr viel Beinfreiheit. Dies erwartet man aber auch bei einem Radstand von 2,91 m. Etwas ungewohnt ist jedoch die Rundumsicht auf den Rücksitzen. Eigentlich kommt es auf diesen Sitzplätzen ja nicht so darauf an. Etwas komisch ist es aber schon, dass man aufgrund des Jaguar-typischen Schwungs der hinteren Fenster und der C-Säule und aufgrund der flachen Dachlinie kaum zu Seite schauen kann.

Trotz der sportlichen Grundausstattung und der eher sportlich gehaltene Sitze bietet der S-Type eher gemütliche englische Club-Atmosphäre. Das Facelift besitzt das typische Jaguar-Interieur. Bis auf ein paar Details werden hochwertige Materialien und echtes Wurzelholz verwendet. Die Verarbeitung ist dabei tadellos. Optisch störend ist beim S-Type nur der Schlüssel, der leider aus dem Ford-Teileregal stammt. Gerade der dürre und Ford-typische Schlüsselbart stört mich schon etwas. Aber der ist ja meistens eingeklappt und man benutzt zunächst die Fernbedienung.

Der Kofferraum ist von der Grundfäche her sehr geräumig. Allerdings ist er äußerst flach, so dass man mit bestimmten hohen Getränkekisten Probleme bekommen kann. Es verwundert auch nicht, dass bei diesen Gegebenheiten der Kofferraum des S-Type lediglich 400 Liter Volumen hat. Dies ist deutlich unter Klassendurchschnitt und ist wohl dem besonderen Jaguar-Heck geschuldet, das durch seine elegante abfallende Form eben auch massiv Kofferraumvolumen schluckt. Vergrößern läßt sich der Kofferraum natürlich über die zu 60/40-umklappbare Rücksitzlehne. Das hilft bei besetzter Rücksitzbank aber auch nur begrenzt. Schönheit muss in dieser Beziehung eben leiden!

Die langfristige Zuverlässigkeit konnte ich natürlich nicht testen. Allerdings belegt Jaguar seit Jahren die oberen Plätze in den Zuverlässigkeitsstatistiken. Auch das getestete Fahrzeug hat in den letzten 4 Jahren keine Mängel aufgewiesen.

Fazit: Der S-Type ist keine klassische Familien-Oberklasselimousine, sondern eher geräumiges 4-türiges Coupe. Dabei hat der S-Type noch das klassische Jaguar-Design, mit dem der Nachfolger XF vollständig gebrochen hat. Gerade das Facelift des S-Type hat auch innen die Jaguar-angemessene Optik, die britische Club-Atmosphäre entstehen lässt. Ein sehr angenehmer klassischer Wagen, dem man gerne seine kleinen Fehler verzeiht.

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3 Antworten zu Testbericht Jaguar S-Type 3.0 Executive

  1. marcus schreibt:

    prima rezension!
    ich hatte sowohl den 6-, als auch den 8 zylinder und bin bis heute von diesem auto begeistert.
    keinerlei mängel und ein fahrwerk zum träumen. sicher das beste fahrwerk seiner klasse – ganz ehrlich gesagt, kann mein 9-5 II fahrwerkstechnisch nicht landen gegen diese geniale konstruktion.
    doppelte querlenker vorne und hinten sind druch nichts zu überbieten.

  2. Ronald schreibt:

    Ich hatte das Vergnügen, den 6 Zylinder eine Zeitlang zu bewegen, allerdings ein Modell aus 1999. Leider fällt mein Resumé eher verhalten aus.
    Für den Stadtverkehr ist das gute Stück schlichtweg ungeeignet, 16 Liter Verbrauch sind der helle Wahnsinn..
    Platz ist auch im Fond eher beschränkt, man merkt, daß die Fahrzeugbauer in den letzten Jahren ernsthafte Entwicklungssprünge in Sachen Innenraum gemacht haben – in jedem unaussprechlichen Wolfsburger fühlen sich Fondpassagiere nicht so beengt :(.
    Trotzdem: Wenn ich könnte, wie ich wollte, hätte ich ihn noch: Fahrspass ok, Auftreten satt und seriös, aber irgendwann sind die Kosten eben ein Faktor (noch dazu, wo das gute Stück mehr Bremsen als Öl verschlungen hat..)

  3. Hans Wiedemann schreibt:

    Habe den 2. Jaguar S-Typ 3,0 Exicutive . 2002 neu gekauft. Bisjetzt 112.000,- KM gefahren.
    In 10 Jahren keine Probleme. Verbrauch 10.4 ltr. außerorts, städtisch 1.8 ltr.
    Nicht ohne Grund ist das mein 2. Jaguar S-Typ. Bin bisher sehr gut zufrieden und auch begeistert
    über Ausstattung und Komfort. Kein Ölverbrauch. Jetzt allerdings mußten jetzt die Ansaugbrücken-
    dichtungen erneuert werden. Der Erste Zündkerzenwechsel ebenfalls (bei jetzt 112.000 KM).
    Kosten netto rd.800 Euro.

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