Kommentar zur aktuellen Lage bei Saab

Die Lage bei Saab ist ernst. Die Löhne konnten heute nicht bezahlt werden und neue Informationen zum sale-and-lease-back-Geschäft mit der Immobilienfirma Hemfosa liegen noch nicht vor. Wie wird es weitergehen? Wird Saab zum zweiten Mal seit 2009 ein Rekonstruierungsverfahren durchlaufen?

Traurig an der ganzen Geschichte ist, dass Saab gerade eigentlich wieder auf dem aufsteigenden Ast war und bis Ende März eine positive Entwicklung verlaufen war:

  • Die Verkaufszahlen entwickelten sich positiv;
  • Der Saab 9-5II Sportkombi und der Saab 9-4X standen in den Startlöchern;
  • Der 9-3 Griffin mit den extrem verbrauchsarmen TTiD-Motoren war vorgestellt worden;
  • Erste Hinweise auf den Saab 9-3III wurden veröffentlicht (PhoeniX, Saab IQon).
  • Es stehen seit einigen Monaten mehrere Investoren bereit (vier sind bekannt), die ca. 500 Mio. Euro in Saab investieren wollen Saab ist also sehr interessant für Investoren.

Wir wissen nicht, was zwischen Saab und den Zulieferfirmen seit März im einzelnen geschehen ist und was genau verhandelt wurde. Offensichtlich gab es im März eine Art „Überreaktion“ von wenigen Zulieferfirmen, die Saab aufgrund von Zahlungsrückständen nur noch gegen Vorkasse beliefern wollten. Der dadurch verursachte Produktionsstillstand brachte dann die kurzfristige Finanzierung von Saab zum Zusammenbruch. Die ungeschickte Reaktion von Saab und Victor Muller zur Sitaution brachte Saab dann in der Presse weiter in Bedrängnis.

Man kann natürlich das Verhalten der Zulieferfirmen nachvollziehen. Immerhin wurden sie von Saab nicht rechtzeitig bezahlt. Allerdings hat diese Verhaltensweise jetzt sehr negative Auswirkungen auf alle Zulieferfirmen. Die Firmen kommen in der aktuellen Situation auch nicht an ihr Geld und verlieren unter Umständen noch einen oder sogar ihren wichtigsten Auftraggeber dauerhaft. Man hat also mit dem Verhalten im März nichts gewonnen, aber wohl viel verloren.

Äußerst unverständlich für mich ist die Verhaltensweise der schwedischen Regierung und der EIB. Viele bei Saab werden sich wohl ärgern, dass Saab 2009 diesen EIB-Kredit beantragt hat. Jetzt hat die EIB die Möglichkeit, alle Finanzierungen und Investoren zu blockieren. Und dies geschieht durch die EIB ohne Angaben von Gründen. Der EIB-Kredit, der zur Zeit ein Auszahlungsvolumen von ca. 220 Mio. Euro hat, wird von der schwedischen Regierung über eine Bürgschaft abgesichert. Dafür hat Saab sämtliche Aktiva, darunter das Fabrikgelände in Trollhättan, an die schwedische Regierung verpfändet.

Im Fall der Fälle wird die schwedische Regierung also den Kredit bei der EIB begleichen müssen und erhält dafür ein Fabrikgelände. Ein späterer Verkauf des Geländes ohne funktionierende Saab-Gesellschaft wird wohl kaum mehr als 10% der 220 Mio. Euro erlösen. Das Risiko für den schwedischen Staat beträgt also ca. 200 Mio. Euro zuzüglich der Kosten für die neuen Arbeitslosen und für die fehlenden Steuer- und Sozialabgaben, die Saab geleistet hat. Auch muss der schwedische Staat im Verlauf eines Insolvenzverfahrens die Löhne der Saab-Mitarbeiter bezahlen.

Die gesamte Konstellation sichert und begünstigt also nur die EIB. Die EIB hat nichts zu verlieren und erhält weiterhin hohe Zinszahlungen von Saab bzw. dann vom schwedischen Staat bis zur Begleichung des Darlehens, die auch ohne Saab stattfinden wird. Viel zu verlieren hat aber die schwedische Regierung. Daher ist es mir völlig unverständlich, dass die schwedische Regierung in dieser Situation eher gegen Saab (und damit gegen eigene Interessen) handelt. Besser wäre es für die Regierung gewesen, man hätte auf die Absicherung durch die Fabrik schon im März/April verzichtet. Wie dargelegt hätte die Regierung im Fall der Fälle dadurch nur ca. 20 Mio. Euro mehr Risiko gehabt. Dann hätte Wladimir Antonow die kurzfristige Finanzierung von Saab absichern können. Der Produktionsstopp, der täglich Kosten verursacht, wäre schnell beendet gewesen. Saab hätte schnell wieder vertrauen aufbauen können und in einer ganz anderen Lage die Kooperationen mit Pang Da und Youngman vielleicht zu günstigeren abschließen können. Die Finanzierung von Saab wäre gesichert gewesen und das Risiko für den schwedischen Staat hätte sich deutlich verringert.

Festzuhalten bleibt, dass die schwedische Regierung und die EIB eine beträchtliche Mitschuld an der jetzigen Situation tragen. Seit März stehen Investoren bereit, die unverzüglich die finanzielle Krise bei Saab beenden wollten und bereit sind, hohe dreistellige Millionensummen (in Euro) zu investieren. Dies ist bisher alleine an der Haltung der schwedischen Regierung und der EIB gescheitert.

Interessanterweise scheint es jetzt so, dass Wladimir Antonow derjenige ist, der die Entwicklung richtig vorhergesagt hat. Zunächst im Frühjahr mit der Aussage, dass Saab wohl eine Zwischenfinanzierung benötige und dann mit dem Hinweis, dass die schwedische Regierung und die EIB offensichtlich Saab zerstören wollen. Allerdings hat Antonow auch immer davon gesprochen, dass er für Saab gute Entwicklungschancen sieht. Hoffentlich behält er auch da Recht…

 

 

 

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