Macht GM Probleme bei Saab-Verkauf? Versuch einer Analyse

Achtung! Vorweg eine Warnung: Das wird ein sehr langer Artikel! Wie bereits am Freitag berichtet gibt es Aussagen von GM zum Saab-Verkauf. Geäußert hat sich GM-Sprecher James R. Cain, Direktor für finanzielle Nachrichten, gegenüber dem Radiosender P4 Väst. GM zögere noch mit der Genehmigung. GM werde den Verkauf von Saab nicht genehmigen, wenn dieser Geschäftsbeziehungen von GM in China stören könnte. Dies scheinen aber zunächst inoffizielle Aussagen des GM-Manns gewesen zu sein.

Natürlich gab es dann sofort Spekulationen, dass GM eine Übernahme von Saab ablehne. Die schwedische Presse nahm sich gerne des Themas an, allerdings bisher noch recht zurückhaltend. Der Inhaber eines englischsprachigen Blogs, der gerne „die Wahrheit über Autos“ berichtet, meinte dann sofort, dass damit der „schwedische Elch gekocht sei“. Die schwedische Presse habe ihn bereits vorher interviewt und er habe genau dies schon immer gesagt. Leider sei das Interview aber nicht gebracht worden. Naja, was soll man von einem bekennenden Saab-Hasser, der gerne mal gefälschte Nachrichten und Behauptungen verbreitet erwarten. Ich will diesen Blödsinn nicht unterstützen und setze deshalb auch keinen Link dazu.

Nun gut, man sieht also, unsere Lieblingsmarkte hält weiterhin die Presse in Atem! Bisher steht immer noch eine bis zum 15. November befristete Vereinbarung zum Verkauf von Saab im Raum, deren Durchführung auch von der Zustimmung verschiedener Stellen abhängig ist. Darunter fällt auch eine Zustimmung von GM. Natürlich fragt man sich, warum GM sich jetzt so abwartend bis „leicht negativ“ äußert. Zunächst gibt es ja nur die wohl inoffizielle Äußerung, dass GM eine Zustimmung bei Störung der Geschäftsbeziehungen in China verweigern wird. Ich möchte jetzt mal einzelne Aspekte und Hintergründe einer möglichen GM-Entscheidung genauer darstellen.

1. IP-Rechte

Ich gehe davon aus, dass GM nicht den Verkauf an sich blockieren kann. Vielmehr kann GM Saab die Nutzung der GM IP-Rechte entziehen. Dies würde für Saab bedeuten, dass man bei einer Ablehnung des Verkaufs durch GM zwei Jahre bis zur Einführung des Saab 9-3III, der unabhängig von GM entwickelt wird, ohne Modelle dasteht. Die aktuellen Modelle 9-3II, 9-4X und 9-5II basieren alle zum einem bestimmten Teil auf GM-Technik und benutzen GM-IP-Rechte.

GM hatte wohl schon 2009 Probleme mit der Verwendung von IP-Rechten in China, als man beim ersten Saab-Übernahmepoker den chinesischen Hersteller BAIC aus dem Koenigsegg-Konsortium ausschloss. Allerdings hatte GM später dann kein Problem damit, die Rechte am 9-5I und 9-3II (Vor-Facelift) an BAIC teuer zu verkaufen.

Wenn man sich bei der direkten Konkurrenz Volvo umschaut, dann sieht man, dass bei Volvo fast die gleich Situation vor ca. zwei Jahren herrschte. Ford verkaufte Volvo für 1,3 Mrd. Euro an den chinesischen Hersteller Geely. Sämtliche Volvo-Fahrzeuge bauen auf Ford-Plattformen auf. Die kleineneren Motoren bei Volvo kommen alle von Ford, während Ford auch einige Volvo-Motoren verwendet. Aber offensichtlich gab es bei Ford keine Befürchtungen, dass der Volvo-Verkauf das chinesische Geschäft von Ford beeinträchtigen könnte. Ford ist zwar nicht ganz so erfolgreich wie GM in China. Denoch besitzt Ford, bisher noch zusammen mit Mazda, ein bedeutendes Joint-venture in China. In Kooperation mit Chongqing Changan Automobile wurden 2009 440.000 Ford-Fahrzeuge in China verkauft. Ich kenne natürlich nicht die Verträge zwischen Geely und Ford. Aber ich gehe davon aus, dass Ford sich seine IP-Rechte vertraglich auch gegenüber Geely geschützt hat. Bisher gab es keine Problem bei Ford mit den IP-Rechten. Die Sache scheint also zu funktionieren.

GM sollte auch bedenken, dass eine Ablehnung des Saab-Verkaufs die „Geschäftsbeziehungen“ in China deutlich stärker stören könnte als bei einer Zustimmung. Das Joint-venture von GM mit SAIC in China, könnte sich plötzlich starken Reglementierungen und Einschränkungen ausgesetzt sehen, wenn GM die Pläne der NDRC durchkreuzt und Pang Da und Youngman damit stark schadet. Der GM-Kooperationspartner SAIC ist interessanterweise auch der Hersteller von Roewe- und MG-Fahrzeugen. Dies bedeutet, dass SAIC schon seit einigen Jahren alleine recht moderne Fahrzeuge entwickelt und produziert und damit nicht mehr so abhängig von einem westlichen Kooperationspartner ist wie andere chinesische Hersteller. Gerade bei SAIC könnten sich damit besonders leicht die Gewichte weg von der Kooperation hin zu den eigenen Produkten verschieben.

Man sieht, das Problem der IP-Rechte könnte man vertraglich lösen. Saab kann jetzt schon die aktuellen Modelle in China verkaufen. Ob da ein paar tausend Saabs mehr dazukommen, dürfte GM eigentlich nicht so stören. Ab 2016 werden dann wohl keine GM-IP-Rechte mehr benutzt. Gleichzeitig könnten aber durch eine Ablehnung des Saab-Verkaufs die Geschäftsbeziehungen von GM in China viel stärker und dauerhafter als durch eine Zustimmung „geschädigt“ werden.

2. Wandelanleihe bei SWAN

Des weiteren stellt sich noch die Frage der Wandelanleihe. GM besitzt noch eine Wandelanleihe im festgeschriebenen Wert von 386 Mio. US-Dollar (ca. 248 Mio. Euro). Schuldner ist die jetzige Saab-Mutter SWAN. Diese kann 2016 in Anteile an SWAN – nicht an Saab – umgewandelt werden. Als es noch um den Antonow-Einstieg ging, war GM bereit, diese Anteile für ca. 90 Mio. Euro zu verkaufen. Unklar ist, was bei einer 100%-Übernahme mit diesen GM-Anteilen passieren wird. GM wird wohl kein Interesse haben, 2016 Anteile an der leeren Hülle SWAN zu erhalten. Spannend wird sein, welche Summe GM von den finanzkräftigen neuen Eigentümern Pang Da und Youngman zur Ablösung der Anleihe verlangen wird.

3. Steuerliche Aspekte

Interessant könnten für GM auch steuerliche Aspekte sein. GM könnte als Gläubiger von SWAN/Saab bei einem Untergang von Saab steuerliche Vorteile durch eine verlustbringende Abschreibung dieser Wandelanleihe ziehen. 2010 musste GM die Wandelanleihe zunächst mit einem Wert von 248 Mio. Euro verbuchen. Jede dauerhafte Wertmindung führt jetzt zu einer sog. Teilwertabschreibung, die in Höhe der Abschreibung einen Verlust hervorbringt, der die Steuerlast von GM senkt. GM könnte jetzt also einen Verlust von höchstens 248 Mio. Euro durch eine vollständige Ablehnung generieren. Wenn man von einer Steuerbelastung von 30% ausgeht, dann würde GM mit insgesamt 74,4 Mio. Euro echter Senkung der Steuerlast von einer Saab-Pleite profitieren.

Steuerlich wird GM allerdings bereits 2010 die Wandelanleihe auf einen Teilwert abgeschrieben haben. Warum sollte man bis heute warten, wenn man steuerliche Vorteile bereits früher ausschöpfen kann? Ich vermute mal, dass GM den Wert Ende 2010 auf ca. 90 bis 100 Mio. Euro abgeschrieben hat, d.h. man hat steuerliche Verluste von ca. 150 Mio. Euro 2010 realisiert. Indiz dafür wäre das Antonow-Angebot aus dem Frühsommer 2011. GM wollte Wladimir Antonow die aus der Wandelanleihe resultierenden Anteile für diesen Preis verkaufen. Wenn man jetzt wieder von einer steuerlichen Belastung von ca. 30% bei GM ausgeht, dann würde es sich für GM steuerlich gesehen fast bei jedem Kaufpreis lohnen, dem Verkauf von Saab zuzustimmen. Ich rechne jetzt mal ein Beispiel mit einem Kaufpreis von 10 Mio. Euro für die Wandelanleihe:

Zustimmung zum Verkauf durch GM:
100 Mio. Euro aktueller Bilanzwert – 10 Mio. Euro Kaufpreis = 90 Mio. Euro steuerlicher Verlust bei Verkauf;
davon 30% steuerliche Auswirkung = 27 Mio. Euro Steuerersparnis;
+ 10 Mio. Kaufpreis der Wandelanleihe = 37 Mio. Euro Gesamtgewinn für GM bei einer Zustimmung zum Verkauf.

Ablehung des Verkaufs durch GM:
100 Mio. Euro x 30% = 30 Mio. Euro Steuerersparnis bei Ablehnung des Verkaufs und Saab-Pleite.

Zu beachten ist allerdings, dass diese Zahlen jetzt Vermutungen von mir auf der Basis von wenigen bekannten Daten sind!

4. Finanzielle Aspekte

Saab muss für die benutzten GM-Lizenzen pro produziertem Fahrzeug an GM eine Lizenzgebühr überweisen. Daneben bezieht man ja viele Teile direkt von GM. Auch wenn Saab nicht die großen Stückzahlen abnimmt kann GM durch einen Fortbestand von Saab und mit der Wiederaufnahme der Produktion in Trollhättan bis zur Einführung neuer Saab-Modelle ohne GM-Technik noch sehr viel Geld verdienen. Warum sollte sich GM eine sichere Geldquelle entgehen lassen?

5. Einschätzung

Ich schätze das aktuelle Verhalten von GM zunächst mal als Verhandlungstaktik von GM ein. Die chinesischen Käufer sind erwiesenermaßen finanzkräftig und GM möchte verständlicherweise ordentlich für die dann wertlose Wandelanleihe und weitere „Nachteile“ in China bezahlt werden. Und Geld erhält man aus Sicht von GM nur, wenn man Druck über die mögliche Ablehnung des Verkaufs auf die chinesischen Käufer ausübt. Für eine Zustimmung von GM zum Saab-Verkauf spricht vor allem, dass GM mit Saab viel Geld erhält und weiterhin noch sehr viel Geld verdienen kann. Wenn man alle Aspekte überdenkt, kann GM gut auf ein paar tausend verkaufte Buicks in China verzichten, wenn man dafür neben einer Entlohnung für die Wandelanleihe noch weitere Millionen in den nächsten Jahren einnehmen kann und die NDRC GM wohlgesonnen bleibt.

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Eine Antwort zu Macht GM Probleme bei Saab-Verkauf? Versuch einer Analyse

  1. Thomas Beutler schreibt:

    Hallo Celeste 🙂

    Super Artikel!! Vielen Dank!!

    Gruss
    Thomas

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